von am 12. Mai 2011

Geht es in Neukölln wirklich so kriminell zur Sache? Einen Monat lang beobachtete ich den lokalen Polizeibericht. Ergebnis: Ich lebe in einer Parallelwelt.

Beamte des Raubkommissariats müssen zur Vollstreckung eines Haftbefehls in eine Schule. Zwei 15-Jährige sind von Zeugen wiedererkannt worden. Dem räuberischen Duo werden drei Überfälle im März 2011 auf Neuköllner Apotheken zur Last gelegt, bei denen sie äußerst kaltblütig vorgegangen waren. Die beiden Tatverdächtigen bedrohten jeweils die Angestellten mit einer Schusswaffe und einem Messer, forderten Geld und zwangen die Anwesenden sich auf den Boden zu legen. Anschließend flüchteten sie mit der Beute. An diesem Morgen des 23. März kommt es vor einem Klassenzimmer und einem Wohnhaus zur Festnahme.

Junge Täter, große Brutalität – krimineller Alltag in Neukölln. In Rudow auf der Buschkrugallee, in Nordneukölln auf der Sonnenallee. Wer den Polizeibericht und die Zeitungen täglich liest, weiss nach einem Monat: Nichts besonderes. Passiert jeden Tag. Wir stumpfen ab. Wir bewerten die Gewalt nicht mehr, wir ertragen sie: die mediale Berichterstattung über die kriminelle Hauptstadt, der Bezirk Neukölln als sein negatives Aushängeschild. Was soll man dazu noch schreiben? Wenn das Blaulicht mit der Sirene an meinem Fenster vorbeisaust, dann kann ich nur erahnen, dass schon wieder etwas passiert sein muss. Zu sehen bekomme ich nichts.

In den zwei Jahren, die ich in Neukölln lebe, habe ich kaum Gewalt vernommen. Ich fühle mich sicher. Dort, wo ich herkomme, aus der ländlichen Provinz Nordbayerns, habe ich auf Weinfesten, Kirchweihen oder beim Beatabend in der Dorfturnhalle mehr blutige Schlägerreien erlebt, als jemals auf den Maientagen in Neukölln. Wurde ich häufiger angepöbelt, als auf den Straßen meines Bezirks. Hatte ich also nur Glück, wenn ich in meine Stammkneipe in die Donaustraße gehe, und dort unversehrt ankomme, nicht von einer Horde Jugendlicher überfallen und krankenhausreif geschlagen werde?

Nein! Denn meine Realität ist schlichtweg eine andere. Ich bin hier nicht aufgewachsen. Ich verbringe nicht die meiste Zeit auf der Straße. Ich, der Zugezogene, lebe in einer Parallelwelt, die nur manches Mal mit der Realität von hier aufgewachsenen Jugendlichen oder alteingesessenen Kioskbesitzern in Berührung kommt. Deren Alltag sind zum Teil die verfeindeten Clans, Drogenhandel und Überfälle. Dabei kann ich nur hoffen, dass ich als ansässiger Bürger nicht zwischen die Fronten gerate. Für manche ist es einfach kriminell dieses Neukölln. Ob ich das mitbekomme, oder nicht.

Vielleicht habe ich davor resigniert, vor allem wenn ich lesen muss, dass erneut jemand am U-Bahnhof verprügelt, schon wieder ein Kinderwagen im Hausgang angezündet wurde, und deren Bewohner in der Erlanger Straße, nochmal mit dem Leben davongekommen sind. Doch diese erschreckenden Taten dürfen nicht sinnbildlich für die Menschen hier stehen. Der redselige Besitzer des türkischen Obstladens, der lustige Verkäufer im Späti, der über den verschwenderischen Gebrauch von Plastiktüten schwadroniert, oder der arabische Trödler, der hart aber fair über den Preis der begehrten Lampe verhandelt. Dazu all die Kinder auf den zahllosen Bolzplätzen: Diese Menschen prägen mein Bild von Neukölln. Sicher ein raues, aber im gleichen Zuge ein ehrliches, lebendiges Bild eines Bezirks.

Über die Gründe und die Prävention der Kriminalität, darüber schreiben Jugendrichter und Sozialpädagogen ganze Bücher. Ich kann nur das beschreiben, was ich täglich sehe und erlebe. Und das ist – natürlich aus dem geschützten Blickwinkel meines Paralleluniversums – nicht so schlimm, wie es uns Thilo Sarrazin und die rechts-konservative Journalie vorgaukeln will. Unter Berücksichtigung all der Probleme, die Neukölln mit seiner heterogenen Sozialstruktur aufweist, kann ich ohne Vorbehalte sagen: Es ist sicher hier. Und nicht signifikant krimineller als in Hamburg, Frankfurt oder anderen Teilen Berlins. Das sagt mir der Polizeibericht. Er weiss auch, dass es fast überall in Deutschland gewalttätig zur Sache geht, nicht nur im Bezirk Neukölln. Nur der ist allzu oft der Prügelknabe für die anderen.

Wer sich selbst mal einen Eindruck über die täglichen Straftaten in der Hauptstadt verschaffen möchte, kann das hier.

 

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