von am 7. Oktober 2014
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Heinz Buschkowsky bei seiner Buchpräsentation in der Urania Anfang Oktober.

„Die andere Gesellschaft“, das ist nicht die, in der Heinz Buschkowsky aufgewachsen ist. Neuköllns Bezirksbürgermeister beschreibt in seinem zweiten Buch verfehlte Integrationspolitik anhand von persönlichen Begegnungen. Doch im Grunde dreht sich im Buch alles um „den Islam“ und „die Muslime“.

Als Heinz Buschkowsky sein neues Buch in der Urania vorstellt, kommt er natürlich nicht um einen Kommentar zur Günther-Jauch-Talkrunde herum, in der er eingeladen, aber kaum zu Wort gekommen war (wir berichteten). Er kritisiert, dass die ARD zugelassen hat, dass der Imam Kamouss alle Zuschauer und Gäste vorführen konnte ohne entlarvt zu werden. „Dass die Al-Nour-Moschee in Neukölln ein Ort der Prävention ist, war mir neu“, gibt er süffisant in die Runde und stimmt das Publikum auf die nun unweigerlich folgenden Vortrag über Religion und Integration ein.

Das Hineintragen religiöser Angelegenheiten in den Alltag sei problematisch, daher plädiert er für eine klare Trennung zwischen Staat und Kirche. Als Beispiel nennt er Mädchen, die nicht am Sportunterricht teilnehmen sollen. Und er spart weder in der Urania noch im Buch an klaren persönlichen Stellungnahmen wie dieser: „Ein Straßenbild mit überwiegend verhüllten Frauen entspricht nicht meiner Erwartungshaltung. Wir sind kein Gottesstaat und ich werde alles tun, damit es auch keiner wird.“ Mit solchen polemischen Äußerungen punktet der SPD-Politiker vor Publikum. Proteste wie bei seiner Lesung vor eineinhalb Jahren in der Stadtbibliothek Neukölln gibt es dieses Mal nicht.

Die Gesellschaft ist schuld

Einen perfekteren Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Buches inmitten der Berichterstattung über IS-Nachwuchs und Salafismus hätte Buschkowsky nicht wählen können, um sich Zustimmung für seine düsteren Zukunftsszenarien zu sichern. Leider vermischt „Deutschlands bekanntester Bürgermeister“ an einigen Stellen wieder die verschiedenen Ausprägungen des Islam und wirft alle Muslime in einen Topf, obwohl er in anderen Kapiteln explizit von Fundamentalismus spricht und dessen Anhänger klar von friedlichen und toleranten Gläubigen im Bezirk unterscheidet. So meint er beispielsweise, dass eine Gesellschaft, die junge Menschen zu Fundamentalisten, zu „Rattenfängern“ wie er es nennt, hintreibt, etwas falsch gemacht hat. Noch seien diese zahlenmäßig gering, aber es werde uns „auf der Welt vorgeführt, was daraus werden kann“.

„Unsere Gesellschaft läuft im Laissez-faire-Modus“, erklärt Buschkowsky in der Urania in Berlin-Schöneberg am 1. Oktober. Dies bewirke, dass Kultur in Angelegenheiten, die mit der demokratischen Grundordnung und dem Grundgesetz in Deutschland nicht vereinbar wären, als Entschuldigung diene, so etwas bei der Unterdrückung von Mädchen und Frauen durch die männlichen Familienmitglieder. Kulturrelativismus ist eines seiner Lieblingsthemen an diesem Abends, er verurteilt ihn scharf. Rechtsfreie Räume, so genannte Friedensrichter und Zwangsehen mitten in unserer Gesellschaft seien die Resultate, mit denen jeder konfrontiert werden könne.

„Mit Hartz IV abgeparkt“

Buschkowsky findet sein Neukölln nicht mehr so vor, wie er es kennt. Für das Buch machte sich für daran, die Veränderungen durch zahlreiche Gespräche mit Involvierten zu verstehen und sie den Lesern zu erklären. Das ist ein nobler Vorsatz – doch das Resultat enttäuscht. An Selbstmitleid und Eigenlob wird dabei nicht gespart. Für seine Beschreibung zur Lage der Gesellschaft und Integration sprach er mit einem Imam ebenso wie mit Aussteigern der Salafistenszene, mit jungen Mädchen mit arabischem und türkischen Migrationshintergrund, mit Elternvertretern, Psychologen, Publizisten und noch mit vielen mehr. Diese Gespräche werden im Buch geschildert und dazwischen liefert Buschkowsky Prognosen und seine eigene Meinung. Junge Menschen würden zu wenig Anreize darin sehen, zur Schule zu gehen und sich um eine Ausbildung zu bemühen. In der Urania sagt er dazu: „Unser Sozialsystem ist ein Ablassschein. Man bekommt Geld, der Staat hat seine Ruhe. Junge Menschen in Neukölln werden mit Hartz IV abgeparkt!“, so sein Fazit.

Seine Forderungen und Lösungsvorschläge sind im Grunde genau die gleichen wie auch schon in seinem ersten Buch, „Neukölln ist überall“, aus dem Jahr 2012 (dazu unsere Rezension). Der einzige Weg aus der Integrationsmisere ist für ihn Bildung. Die Verantwortlichen sollten Rektoren, Lehrern und Schulsozialarbeitern endlich mehr zuhören. Die Ganztagsschule sei ein „sinnstiftender Einflussbereich“ und der Kindergartenbesuch grundlegend für das Sozialverhalten der Kinder und mehr Krippenplätze müssen geschaffen werden, damit Eltern arbeiten können. Das sind bei allem Respekt vor der Arbeit an dem Buch nun wirklich keine neuen Erkenntnisse.

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Das zweite Buch des Bezirksbürgermeisters ist am 30.9. erschienen. Bild: Ullstein

Ohnmacht der Kommunalpolitik

Man kommt nicht umhin sich bei der Lektüre zu fragen, wieso gerade ein Bezirksbürgermeister ein solches Buch veröffentlicht. Zwar beschreibt er die Probleme in seinem eigenen Bezirk ungeschminkt, aber eben auch sehr subjektiv. Der Leser kommt angesichts der düsteren Zukunftsszenarien, die Buschkowsky malt, nicht umhin zu fragen, wieso die Politik diesen negativen Entwicklungen nicht mehr entgegenzusetzen hatte. Jemand wirft ihm genau diese Frage aus dem Publikum an den Kopf. Buschkowsky lächelt und weist darauf hin, dass die zentralen politischen Entscheidungen, wie Bildungspolitik, nicht auf kommunaler Ebene geführt werden könnten. Das mag stimmen. Trotzdem: „Meine Erfahrungswerte sind geprägt von 35 Jahren kommunalpolitischer Tätigkeit in Neukölln“, schreibt er. Er möchte „zunächst einmal alles ungeschminkt beschreiben“, ein „Rezept“ für die Lösung könne und wolle er nicht liefern.

Leider gehen die Beschreibungen Buschkowskys über das, was die Mehrheit der Gesellschaft Einwanderern an Vorurteilen sowieso schon entgegenbringt, nicht hinaus. Ferid Heider, Imam von Neukölln merkt beispielsweise kritisch an, dass der Islam im gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland leider oft von den Medien auf „Frauenunterdrückung, „Zwangsehen“ und Ehrenmorde“ reduziert werden würde. Buschkowsky kommentiert dies folgend: „Bei diesen Ausführungen überkommt mich das Gefühl, dass Ferid Heider so etwas wie eine Neigung zur Opferrolle hat“. Opferrolle, eine Bewertung, die nicht gerade von Toleranz und Verständnis zeugt, sondern vor allem provoziert.

Heinz Buschkowsky: Die andere Gesellschaft. Ullstein, 19,99 €

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4 Kommentare:

  • Anonymous sagt:

    „Unser Sozialsystem ist ein Ablassschein. Man bekommt Geld, der Staat hat seine Ruhe. Junge Menschen in Neukölln werden mit Hartz IV abgeparkt!“, so sein Fazit.
    Seine Forderungen und Lösungsvorschläge sind im Grunde genau die gleichen wie auch schon in seinem ersten Buch, „Neukölln ist überall“, aus dem Jahr 2012 (dazu unsere Rezension). Der einzige Weg aus der Integrationsmisere ist für ihn Bildung.“

    Soviel Quatsch tut weh… nur angenommen, morgen würden 3 Millionen Menschen mehr studieren?
    Dieses dauernde Bildung, Bildung geht einem wohin, weil ja die wichtigste Voraussetzung fehlt: Arbeit. Und die wird zu allem Überfluss auch immer weniger…

  • […] in “Die andere Gesellschaft” ganz gerne mal Muslime über einen Kamm schert (dazu unsere Rezension), unterstützt er den Kandidaten Raed Saleh, einen Einwanderer islamischen Glaubens. Das verwundert […]

  • Auch wenn ich vielleicht als Schriftstellerin und DaF-Dozentin ebenfalls in einer Parallelwelt lebe, wundert es mich doch, dass sich der Herr Oberbürger so sehr auf die negativen Seiten seines „Problemkiezes“ fokussiert. Er sollte sich bemühen, die extreme kulurelle Vielfalt mit offenen Augen zu betrachten und z.B. – wie ich – ein wenig Arabisch zu lernen. Ich bin eine glückliche Kundin in den vielen kleinen Läden rund um das Rathhaus Neukölln, wo ein Handschlag reicht, um ein ehrwürdiges Geschäft abzuschließen und ein Tschüss auf Arabisch oder/und auf Türkisch ein freundliches Lächeln nach sich zieht.

  • […] eine Gegenrede zu Buschkowsky. Der sieht Integration in Deutschland scheitern, weil das Land im „Laissez-faire-Modus“ fährt. Lasches Handeln versus widerborstige Fremdkulturen sei der Kern des Übels. Stahl liefert […]

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