von am 4. Juli 2015

IMG_2208 In Neukölln zu leben kann alles Mögliche bedeuten. Und diese Offenheit an Möglichkeiten bringt uns, die wir entschieden haben im Zentrum dieses Geschehens zu leben, wieder und wieder in neue Situationen. Vor allem erleben wir hier eine Realität, die uns wirklicher erscheint als alles andere. Denn das Leben versteckt sich nicht und so auch nicht Neuköllns Geschichten.

Foto: Anke Hohmeister

Da es endlich Sommer wird, gehe ich mit einer Freundin abends am Kanal entlang. Wir setzen uns ins Gras, trinken Mate und rauchen gedrehte Zigaretten. Wir wollen reflektieren über all die Dinge, die mal wieder passiert sind und werden plötzlich unterbrochen. Ein alter Mann wankt auf uns zu und nuschelt etwas von Zigaretten. Ich verstehe ihn kaum und frage nach. Er nuschelt noch ein mal und hält mir seinen Tabak hin. Ob ich ihm eine drehen könnte, er würde gerne rauchen. Mein Blick fällt auf seinen rechten Arm, der eingegipst nur die Spitzen seiner Finger zum Vorschein kommen lässt. Sein Gesicht wendet sich zu mir, nur der Blick schafft es nicht und verharrt orientierungslos irgendwo in der Luft. Also nehme ich seinen Tabak, ziehe ein Blättchen aus der Packung und suche nach Filtern. Kann aber keine finden. „Kein Problem“ sein Nuscheln flammt in freudiger Erwartung auf. „Man muss im Leben nur gute Ideen haben, dann klappt alles!“ Er schwankt in Richtung Mülleimer und kramt, den ganzen Oberkörper eingetaucht nach einem Stück festem Papier. Enthusiastisch stolpert er zu uns zurück und überreicht es mir. Also drehe ich für ihn und höre ihn plötzlich rufen „Ich liiieeebe das Wasser hier!“ Meine Freundin neben mir kichert und schreit ihm hinterher, er solle aufpassen und nicht in den Kanal fallen. „Ja ja“, flötet er vergnügt „Jetzt habe ich ja zwei gefunden, die mich retten können!“

Also lassen wir ihn mit den Schwänen spielen, seinen gebrochenen Arm in die Luft reißen und jubeln. Als die Zigarette fertig ist, kommt er zu uns zurück und fläzt sich auf den Rasen. Ich gebe ihm Feuer und er fängt an zu plaudern. Er wohne nicht weit von hier, in einer tollen Wohnung. Ne Dreier-WG. Sein bester Kumpel und dessen „äh“ beste Freundin wohnen dort mit ihm. Die Miete sei in den letzen fünf Jahren auf fast das Doppelte gestiegen. Worauf meine Freundin und ich ihm mit verärgerter Zustimmung fast ins Wort fallen. Meine Freundin fragt ihn „Sag mal, wie kannste Dir das leisten?“ Es sei kein Problem, antwortet er geduldig, er sei Rentner. Wir gucken uns an und er bemerkt unsere fragenden Gesichter. Dann rappelt er sich auf, krempelt ein Hosenbein hoch und zeigt uns zwei bedrohlich große Narben auf beiden Seiten seiner linken Wade. Er möchte uns die Geschichte erzählen und malt Kreise in die Luft. Er müsse „zurück, zurück, zurück“ zum Anfang, an dem das alles passiert ist.

Früher habe er auf dem Bau gearbeitet. Und da stand er ein Mal auf dem Gerüst, als einer nach ihm rief „Ingo, pass auf Mensch!“ Er konnte noch einen Satz nach hinten machen, als das Gerüst zusammen brach und eine anderthalb Meter lange Eisenstange wie aus dem nichts auf ihn zu schnellte. Wäre er nicht gesprungen, hätte sie seinen Bauch durchbohrt. Er hält inne und blickt uns in die Augen. Dann wendet er sich ab und erzählt in sich gekehrt, wie die Eisenstange, statt dessen, seine Wade durchbohrte. Er habe nichts mehr gefühlt, nur noch mitbekommen, wie der Krankenwagen kam. Die Stange musste noch auf der Baustelle abgesägt werden, damit er in den Krankenwagen passte. Sofort wurde er ins künstliche Koma versetzt. Er wurde operiert und musste lange im Krankenhaus bleiben. „Die Schmerzen waren so unerträglich“ – er hält Inne – „ich wusste ja auch nicht, die haben mir Morphium gegeben. Und ach, irgendwie, ich wollte das ja alles nicht.“ Sein Kopf hängt immer tiefer, wir sehen seine Augen fast nicht mehr und er spricht so in sich gekehrt, fast zärtlich „irgendwie bin ich dann an Heroin gekommen.“ Er ist den Tränen nahe und keiner von uns kann ein Wort sagen. Ich spüre wie wir beide die Luft anhalten und warten, was als nächstes passiert. Dann spricht er weiter und sagt, es helfe ja nichts Tränen zu vergießen. Wir sind berührt und nicken zögerlich.

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