von am 7. März 2012

Das Neuköllner Mentoren-Programm ist eine ganz besondere Form der Partnervermittlung. Wir sprachen mit der Leiterin Ursula Rettinger über Aufgaben, Zweck und Erfolg des Projekts, das dringend neue Helfer benötigt. 

Von der Schule ab in den Beruf. Oftmals der entscheidende Übergang im Leben eines jungen Menschen. Doch viele scheitern in dieser Phase, schaffen keinen Abschluss, brechen Ausbildungen ab und werden früh zu Hartz IV-Empfängern, ohne jemals das eigene Potential ausgeschöpft oder gar erkannt zu haben. Was in solchen Biografien nur allzu oft fehlt, ist jemand, der einem Mut macht, zuhört, Tipps geben kann, wenn es mal nicht so läuft.

Ursula Rettinger will genau das. Zusammen mit dem gelernten Krankenpfleger Martin Sasse leitet und koordiniert die Sozialpädagogin seit sechs Jahren das Mentoren-Projekt Neukölln, in dem Ehrenamtliche Schülern auf dem Weg ins Berufsleben zur Seite stehen. Verankert ist das Projekt in der Neuköllner Bürgerstiftung, gestützt wird es von Sponsoren.

Projektleiterin Ursula Rettinger (Mitte) mit Mentee und Mentor. Bild: H. Höhne

Mentoren – schon der Sohn des Odysseus hatte einen. Andere Berühmtheiten wie etwa Leonardo da Vinci oder Richard Wagner vertrauten ebenfalls langjährigen Ratgebern. „Die Mentoren sehen das Potential der Jugendlichen, das Eltern oder gestresste Lehrer oftmals übersehen“, erklärt Rettinger. Bei ihr dient der Mentor in erster Linie als gemeinschaftsorientiertes Vorbild. Die Mentoren sind zumeist zwischen 25 und 35 Jahre alt, berufstätig und sollten nicht gerade einem allzu hemmungslosen Lebenswandel nachgehen.

In der Praxis hilft der Mentor bei Hausaufgaben, beim Schreiben von Bewerbungen oder plant gemeinsame Freizeitaktivitäten. Er ist aber auch emotionale Stütze, ist erreichbar und hört zu, falls es Probleme gibt. Auch der Kontakt zu den Eltern ist je nach Situation wichtig. „Manchmal muss ich aufpassen, dass einige Mentoren nicht die Motivation verlieren, wenn g

ewisse Dinge nicht so klappen, wie sie sich das vorstellen“, sagt Rettinger. Denn viele Jugendliche haben neben der Schule bereits einen ganzen Brocken anderer Probleme angehäuft. Diese zu lösen, gehe oft nur in kleinen Schritten und das könne zu anfangs frustrierend sein. Allein die geistige Unterstützung helfe aber bei der Herausforderung, das eigene Leben in die richtige Bahn zu lenken. Das Projekt hilft jedoch keinem, der sich nicht helfen lassen will: „Für unser Projekt suchen wir nach motivierten Schülern. Wenn einer keinen Bock hat, macht es keinen Sinn“, meint Rettinger.

Mentoren gesucht für die Liebig-Schule

Mittlerweile haben immer mehr Neuköllner Schüler „Bock“ auf einen Mentor. Seit 2008 explodierte die Nachfrage. Positive Erfahrungen und einhergehende Mund-zu-Mund-Propaganda ließen das Interesse steigen. Derzeit arbeitet das Mentoren-Projekt mit den integrierten Sekundarstufen der Kepler-Schule, der Hermann-von-Helmholtz-Schule und der Heinrich-Mann-Schule zusammen. Im April soll die Liebig-Schule folgen. „Dafür suchen wir noch etwa 20 Mentoren“, so Rettinger. Wer sich also berufen fühlt, kann jederzeit in ihrem Büro in der Emser Straße vorstellig werden. Besonders junge Mentoren werden gebraucht, da diese bei den Schülern am häufigsten nachgefragt werden.

Die erkennbaren Erfolge des Projekts unterstreichen darüber hinaus dessen Wichtigkeit. Noch 2006 versuchten 15 Prozent eines Jahrgangs der Hauptschüler an der Kepler-Schule, den MSA-Abschluss (Realschulabschluss) zu erlangen, im vergangenen Jahr waren es satte 64 Prozent. Und: „Wir haben jedes Jahr Schüler, die von ihren Lehrern eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen“, erzählt Rettinger nicht ganz ohne Stolz.

Offensichtlich funktionieren Mentoren als Motivationshilfe. Aber nur dann, meint Rettinger, wenn Mentor und Mentee (der zu betreuende Schüler) sich auch sympathisch seien. Deshalb wählt Ursula Rettinger gezielt aus, wer mit wem seine Zeit verbringen soll: „Es muss passen und man muss sich aufeinander freuen.“

So wird Vertrauen aufgebaut und aus einem Mentor kann schnell ein Freund werden. Und auf den hört man bekanntlich am Liebsten.

Infos für zukünftige Mentoren gibt es hier. Zusätzlich gibt es für alle Interessierte an jedem ersten Mittwoch des Monats ein offenes Treffen in der Emser Straße 117

 

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