von am 24. Juni 2013

Zwei Frauen, eine junge und eine etwas ältere, treffen sich regelmäßig, um Zeit miteinander zu verbringen. Lebenserfahrungsaustausch, nennt das die Jüngere. Sie reden über Politik und machen auch mal einen Ausflug. Vermittelt wurden sie über den Verein „Freunde alter Menschen“. Ein Dachterassenbesuch.

Text: Nicolas Oxen

Fast fünfzig Jahre trennen Christina Stenner (34) und Helga Müller (81), ein ganzes Stück gelebtes Leben. Verwandt sind sie nicht, aber befreundet und das schon seit fast einem Jahr. Damals saßen die beiden sich etwas fremd in Helga Müllers Küche gegenüber, aber recht schnell wurde ihnen klar, was sie verbindet – ihr Engagement und Interesse für Politik. Das Magazin „Cicero“ haben beide im Abo. Etwa alle zwei Wochen kommt Christina vorbei und besucht Frau Müller in ihrer Wohnung am Hermannplatz, in der sie schon seit mehreren Jahren allein lebt. Dort nehmen wir draußen auf Frau Müllers riesiger Dachterasse platz. „Setzt euch, ich hab meinen Stuhl ja immer dabei“, scherzt Frau Müller über ihren Rollstuhl.

Laut einer Studie des Berliner Amts für Statistik leben im Bundesvergleich in der Hauptstadt überproportional viele Menschen allein, im Jahr 2011 etwa eine Million. Jeder vierte von ihnen ist über 65 Jahre alt. Jeder fünfte Deutsche über 70 hat keine oder nur noch eine feste Bezugsperson, hat das Deutsche Zentrum für Altersfragen ermittelt. Jeder zehnte trifft sich mit niemandem mehr.

Syrien und Wahl statt Krankheit und Wetter

Am Anfang sei es schon ein wenig komisch gewesen, jemand völlig Fremden seine Tür zu öffnen. Wer wüsste denn schon, ob sich zwei völlig fremde Menschen auch was zu erzählen hätten? Ihre Nachbarn hätten sie auf den Verein „Freunde alter Menschen“ aufmerksam gemacht und schon kurze Zeit später saß Christina bei ihr in der Küche. Die Koordinatorin des Vereins, die sich um solche ungewöhnlichen Freundschaften kümmert, hat schnell gemerkt, dass die beiden sich gut verstehen und war nach kurzer Zeit schon wieder verschwunden. Nach Gesprächsthemen haben Christina und Frau Müller seitdem nicht lange suchen müssen. Sie reden über alles, was sie bewegt. Nicht Krankheiten oder das Wetter, eher über den Krieg in Syrien oder die kommende Bundestagswahl.

Der Verein wurde 1946 in Frankreich gegründet und kümmert sich in Berlin seit 1991 dank der ehrenamtlichen Unterstützung von ca. 80 Freiwilligen um hochbetagte und meist einsame alte Menschen. Neben Kaffeeklatsch und Ausflügen sind die Besuchspatenschaften ein Schwerpunkt dieser Arbeit. Nicht um Betreuung, sondern um einen Austausch geht es dabei, der für beide Seiten eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung bedeutet. Frau Bieberstein vom Verein „Freunde alter Menschen“ erzählt, dass die meisten neuen Freiwilligen ein sehr idyllisches Bild von netten alten Omas im Kopf hätten, von gemeinsamen Kaffeetrinken und Kreuzworträtseln. Dabei trifft man bei solchen Besuchen alte Menschen, die viel und manchmal auch viel Schlimmes erlebt haben und einsame Menschen, die nicht versorgt, sondern verstanden werden müssen. Es geht um Freundschaft mit allen Schwierigkeiten und Unterschiedlichkeiten, um eine Bindung und Begegnung, die für beide Seiten etwas verändern soll.

Lebenserfahrungsaustausch

„Ich hatte das Gefühl, dass alte Menschen in meinem Alltag gar nicht vorkommen“, und das sei nicht gut, sagt Christina. Aus diesem Grund hat sie damals den Verein kontaktiert und sich für eine Besuchspatenschaft entschieden. Als politische Mediatorin ist sie viel beschäftigt und für ihre Arbeit oft unterwegs. Wenn die beiden sich treffen und sich unterhalten, verbinden sie oft gerade die Jahre, die sie voneinander trennen. „Lebenserfahrungsaustausch“ nennt Christina das. Und genau das beabsichtigt der Verein mit seiner Arbeit: Freundschaft statt Dienst.

Alte Menschen seien eine komplizierte Zielgruppe, sagt Frau Bieberstein. Wer will denn schon alt oder einsam sein und wie soll man die erreichen, die es wirklich sind? Letzteres versucht der Verein, aber wenn sie früher Unternehmen nach Spenden gefragt habe, so Bieberstein, hätten die ihr Geld lieber für kranke Kinder ausgegeben. Das habe sich geändert, meint sie, aber trotzdem blieben gerade die Hochbetagten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung.

Wie auf einem Bahnhof

Der Rollstuhl macht Frau Müller ungeduldig, denn sie war immer neugierig und viel unterwegs. In Neukölln ist sie geboren und zur Schule gegangen, hat den Einmarsch der Russen in einem Keller im Reuterkiez erlebt, später die Mauer auf der anderen Seite. Sie wurde Betriebsprüferin beim Finanzamt, ein eher ungewöhnlicher Beruf für eine Frau damals. Nach zwanzig Jahren hatte sie davon genug, ging in die Politik und saß 16 Jahre für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Ihre zwei Kinder hatten damals immer eine Telefonliste, um zu wissen, wo ihre Mutter im Notfall zu erreichen sei. Mit 60 hat Frau Müller dann nochmal angefangen zu studieren: Politik, Geschichte und Philosophie. Ihre Erinnerungen an all das Vergangene sind nicht nostalgisch, sondern zeigen ihr selbstverständliches Interesse für das Neue.

Darüber mit jemandem zu sprechen, hat Frau Müller wenig Gelegenheit. Wie auf dem Bahnhof gehe es meistens bei ihr zu, sagt sie. Ständig ist jemand da, ihre Haushaltshilfe, der Gärter, der sich um die vielen Pflanzen auf der Terrasse kümmert oder ihr türkischer Physiotherapeut, mit dem sie manchmal ein paar Schritte ohne Rollstuhl schafft. „Aber die kommen nicht alle wegen meiner blauen Augen“, scherzt Frau Müller und zum Reden hat, von all den Menschen, die sie tagtäglich umsorgen, niemand wirklich Zeit. Da steht auch schon der Mann von der Diakonie auf der Terrasse und wir unterbrechen kurz unser Gespräch.

Herausforderung an die Gesellschaft

Mit über 75 gehört man meistens nicht mehr zu den fitten und kaufkräftigen „Best Agern“, von deren Potential in politischen Programmen und Marketingstrategien die Rede ist. Darin scheint das Bild des Alters merkwürdig verzerrt zwischen sonnengebräunten Senioren, die man erreichen will und Demenz- und Pflegefällen, um die man sich kümmern muss. Über alte Menschen spricht man neuerdings viel, mit alten Menschen weniger. Für ihre Erfahrungen ist wenig Platz in der Effizienz- und Verwertungslogik unserer Gesellschaft.

Die echten alten Menschen, denen man zuhören könnte, sind unsichtbar. Wer körperlich nicht mehr so fit ist, bleibt oft allein in seiner Wohnung, isoliert vom gesellschaftlichen Leben und abgeschnitten von sozialem Kontakt. Hinweise auf mögliche „alte Freunde“, wie der Verein die alten Menschen nennt, kommen oft von Sozialdiensten, manchmal von der Familie. Wird in den Medien über die Arbeit des Vereins berichtet, rufen einige ältere Menschen auch selbst an, erzählt Frau Bieberstein. Das Problem der Alterseinsamkeit zu lösen, sei keine Aufgabe des Staates, erklärt sie, sondern eine Herausforderung an die Gesellschaft. Denn es geht gar nicht immer nur um Betreuung alter Menschen, sondern darum, sie wahrzunehmen, einfach mal zu fragen wie es geht oder ob man nicht vielleicht etwas vom Einkaufen mitbringen kann.

Am Anfang jeder Freundschaft

Was Christina Stenner und Helga Müller noch gemeinsam vorhaben? Ach, für solche Fragen hätten sie nach einem Jahr noch gar keine Zeit gehabt, meinen die beiden. In der Philharmonie waren sie schon zusammen. Mit dem Fahrdienst geht das. Vielleicht wiederholen sie so einen Ausflug nochmal.Die Abendsonne steht schon tiefer über den Dächern der Hinterhöfe vor Frau Müllers Dachterrasse. Über eine Holzrampe fährt sie langsam ihren Rollstuhl zurück in die Küche, die sechzehn Meter Korridor entlang durch eine Wohnung voller Bücher und Erinnerungen. Im Arbeitszimmer steht ein Laptop auf dem Schreibtisch. Auch mit sowas kennt Frau Müller sich noch aus.

Erst als ihre Haustür sich schließt, kehrt draußen im Flur etwas von der Fremdheit zurück, die am Anfang jeder Freundschaft steht.

 

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