von am 22. April 2016
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Das Team des Nachbarschaftszirkel: Jens Schubert, Volker Langner und Mounira Ammar (von links).

Gibt es in indigenen Völkern in Nordamerika Streit, setzen sich die Betroffenen in einen Kreis und klären ihn. „JaKuS“, ein Berliner Träger für Jugendhilfe greift das Prinzip in sogenannten „Nachbarschaftszirkeln“ auf. Die Projektleiter Volker Langner, Jens Schubert und Mounira Ammar erzählen von ersten Erfahrungen und ihren Visionen für die Zukunft.

Interview & Fotos: Maike Brülls

Neukoellner.net: Wie kamen Sie auf die Idee Nachbarschaftszirkel zu gründen?
Jens Schubert: Hier bei „JaKuS“ führen wir in Kooperation mit dem Jugendamt seit über acht Jahren Familienräte durch, in denen wir Konflikte innerhalb der Familie lösen. Da wir immer offen für neue Methoden sind – und vor allem für gemeinschaftsbildende Verfahren – dachten wir, dass es sinnvoll ist, Formen der Mediation auch auf andere Bereiche zu erweitern. Anlass war dann eine Anfrage vom Gesundheitsamt und vom Jugendamt Neukölln, die uns von nachbarschaftlichen Auseinandersetzungen in einem Haus in der Silbersteinstraße berichteten.

Wie sehen diese Auseinandersetzungen aus?
Volker Langner: Ein aktuelles Beispiel aus der Hermannstraße: In der Nachbarschaft treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander und es kommt zu Unstimmigkeiten, die häufig aufgrund von Vorurteilen noch verstärkt werden. Dann wirft die eine Familie der anderen Familie ständige Ruhestörung vor. Sie schreiben sogar ein Lärmprotokoll, in dem über drei Wochen aufgeführt ist, wann die andere Familie zu laut war. Das schicken sie dann an die Hausverwaltung und die schickt eine Abmahnung. Außerdem schreien sie die Kinder und die Mutter vom Balkon aus an, wenn sie auf dem Hof spielen. Oder – auch das ist passiert – sie rufen beim Jugendamt an und sagen, die Mutter erziehe ihre Kinder nicht richtig. Wir haben es also nicht zwangsläufig mit körperlicher Gewalt zu tun, aber schon mit schwierigen Fällen.

Wie werden Sie dann auf die Konfliktparteien aufmerksam? Melden die sich selber oder werden sie angezeigt?
Volker Langner: Wir hatten gerade vor zwei Stunden einen Anruf aus Britz Süd von einer Frau, die sich durch ihre Nachbarn bedrängt fühlt. Manchmal kommen die Anfragen auch von Schule oder Sozialarbeitern, also aus dem Umfeld der Betroffenen. Sie wissen dann über einen Konflikt Bescheid.

Fahren Sie im nächsten Schritt einfach zu dem Haus und schauen, was da so los ist?
Jens Schubert: Es gibt ganz verschiedene Formen der Kontaktaufnahme. Am einfachsten ist es, wenn wir jemanden kennen, der Kontakt zu den Bewohnern des Hauses hat und wir über diese Personen einen Einstieg finden. Als völlig Fremde aufzutreten ist natürlich schwieriger. Man hört sich erst einmal wertneutral die Sichtweise der Betroffenen an. Dann vereinbaren wir Vorgespräche, so genannte Pre-Circles, damit alle den gleichen Wissensstand haben und schauen, ob es die Bereitschaft gibt, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen.

Volker Langner: Es geht eben darum Vertrauen aufzubauen, damit sich die Menschen öffnen. Und dass die zerstrittenen Parteien sich bereit erklären, miteinander zu reden. Da gibt es dann jeweils unterschiedliche Personen – neben den Betroffenen – die wir dazu holen. Zum Beispiel die Hausverwaltung oder den Hausmeister. Eben alle, die von dem Konflikt auf irgendeine Art, auch indirekt, betroffen sind.

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Konflikte abbauen im „Peacemaking Circle“.

Wie bauen Sie das Vertrauen auf?
Volker Langner: Indem wir gemeinsame Ziele aufzeigen. Zum Beispiel, dass doch alle in einem Haus wohnen und es da auch ein angenehmes Beisammensein geben soll. Und dass die Kinder dort doch gut aufwachsen sollen. Wir versuchen also positive Bilder entstehen zu lassen, sodass dann mit einem Lächeln an die Lösungsfindung herangegangen wird.

Wie ist Ihre Erfahrung bisher: Sind die Leute abweisend oder nehmen Sie Ihr Angebot ohne zu zögern an?
Mounira Ammar: Bisher war der erste Eindruck sehr gut. Die Menschen zeigen sich offen für einen neuen Ansatz. Wir haben uns schon einige Szenarien ausgemalt, sind bei der ersten Begegnung aber immer ganz positiv überrascht worden.

Wie viele Fälle hatten Sie denn schon?
Jens Schubert: Vier Einsätze seit Januar. Da sind wir richtig gestartet. Wir sind noch im Stadium des Klinkenputzens und müssen erstmal bekannt werden. Außerdem sind wir bei allen Fällen noch bei den Vorgesprächen. Das braucht seine Zeit, sodass wir uns momentan noch in der Vorbereitungsphase der Zirkel befinden.

Für die Nachbarschaftszirkel haben Sie sich von den Peace-Zirkeln der indigenen Stämme aus Nordamerika inspirieren lassen. Wie haben Sie das Konzept für Berlin entwickelt?
Volker Langner: Wir hatten Anfang Dezember einen einwöchigen Auftakt-Workshop mit zwei Brüdern aus Nord-Kanada zu den Peacemaking Circles – einem Ansatz zur Wiedergutmachung bei Konflikten, die verschiedene Communities involvieren. Die beiden sind weltweit unterwegs, um Menschen nach Auseinandersetzungen wieder zusammenzubringen. Die Grundidee der Peace- Circles, also sich bei Unstimmigkeiten in einen Kreis zu setzen und darüber zu sprechen, haben wir übernommen. Und auch, dass die Gemeinschaft im Vordergrund steht und die Betroffenen lernen, Konflikte eigenverantwortlich zu lösen.

Mounira Ammar: Bei uns gibt es immer zwei Vermittler, wir führen Vorgespräche durch, verwenden einen Redestab und arbeiten bei Bedarf mit Dolmetschern zusammen. Aber wir haben uns auch überlegt, dass wir das Vorgehen von Fall zu Fall flexibel gestalten – wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen und man die Formen des Konflikts nicht vorhersehen kann, sollte jeder Prozess individuell und dynamisch gestaltet werden.

Gibt es so etwas noch in einer anderen Stadt in Deutschland?
Volker Langner: Nein, wir sind ein Pilotprojekt und einmalig in Deutschland. Aber wir planen bald weitere Multiplikatoren auszubilden, um die Verantwortung für den Kiez und für ein gutes nachbarschaftliches Zusammensein an die Communities zu übertragen.

Weitere Informationen:
JaKus, Bülowstraße 52, 10783 Berlin

www.jakus.org 

 
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