von am 26. Februar 2013

Connie Voigt und Anna Schulte arbeiten ehrenamtlich als Mediatorinnen und helfen, Konflikte zu lösen. 2011 bot das QM Reuterkiez eine Weiterbildung zu Gemeindewesenmediatoren an, im Gegenzug bieten die Teilnehmer, ihre neuen Fähigkeiten im Reuterkiez an. Seit gut einem Jahr vermittelt nun ein Netzwerk aus mehreren Mediatoren bei Streitigkeiten. 


neukoellner.net: Wenn ich es auf Streit anlege, was muss ich machen, damit der Konflikt so richtig eskaliert?

Connie: Das ist ja ne schwere Frage.

Anna: Naja, ich würde sagen, man muss erst mal denken, dass es eine Wahrheit gibt und man diese kennt. Dann sollte man nicht zuhören, auf den eigenen Standpunkt bestehen und nicht auf den anderen eingehen, also weder Empathie noch Interesse zeigen. Und man sollte dem anderen unterstellen, dass er einem schaden will.

Schuld zuweisen soll ja auch sehr effektiv sein. Wenn der Streit jetzt so richtig hoch gekocht ist, kann man ihn dann noch lösen?

Anna: Wenn beide bereit dazu sind und den Konflikt lösen wollen, dann ja.

Connie: Der Leidensdruck muss für beide Parteien groß genug sein. Wenn beide unter der Situation leiden, dann kann man miteinander arbeiten.

Und wenn nur einer leidet und den Konflikt
lösen will? 

Connie: Dann ist es gut, wenn man Wege findet, um ins Gespräch zu kommen. Es geht dann erst einmal darum, Möglichkeiten zu finden, auf den anderen zuzugehen.

Wie frage ich denn überhaupt den anderen nach einer Mediation? Reicht es, wenn ich beim Nachbarn klingle und sage: Hey, ich hab mit x ein Problem, lass uns mal zu einer Mediation gehen?

Anna: Bei uns läuft es so ab: Jemand hat ein Problem, kommt mittwochs in unsere Sprechstunde und erzählt von der Situation. Dann kommt es natürlich darauf an, wie verschärft der Konflikt schon ist. Entweder kann die Person selbst nachfragen oder wir helfen, rufen den Nachbarn an oder setzten mit der einen Streitpartei ein Anfrageschreiben auf.

Connie: Der Leidensdruck ist wichtiger Faktor. Sagen wir mal, ein Hotelier stellt im Hinterhof Tische auf, lässt seine Gäste dort Frühstücken und ein Nachbar fühlt sich davon gestört, weil er nicht mehr so lange schlafen kann. Der Nachbar geht zum Hotelier und sagt, dass ihn das stört und der Hotelier mal bitte die Tische wegräumen soll oder fragt, ob sie in einer Mediation das Problem besprechen können. So einfach macht der das nicht, der hat ja ein Interesse, dass die Gäste gemütlich frühstücken können. Bewirft der Nachbar die Gäste nun regelmäßig mit Wasserbomben, dann lässt sich der Hotelier viel eher auf ein Gespräch ein. Der leidet nun auch und hat ein eigenes Interesse an einer Problemlösung.

Anna: Mit diesem Beispiel wollen wir natürlich nicht zum Wasserbombenwerfen aufrufen. Man kann als Nachbar den Hotelier auch alle zwei Tage anrufen, die Hausverwaltung einschalten oder andere Nachbarn zum Protest aufrufen.

Und wenn sich der andere komplett querstellt und jedes Gesprächsangebot verweigert?

Anna: Wenn wirklich alle Anfragemöglichkeiten ausgeschöpft sind, dann sind uns auch die Hände gebunden.

Connie: Als Mediatorinnen können wir dann nicht helfen. Die Grundvoraussetzung ist, dass beide Parteien die Mediation wollen.

Worüber wird denn bei euch gestritten und wie viele Konflikte habt ihr schon gelöst?

Connie: Die Hauptkonfliktfelder sind Belästigungen der Sinne: zum Beispiel Dreck im Treppenhaus oder Lärmbelästigung. Der Kiez ist ja sehr eng gebaut, da kollidieren schon öfter mal unterschiedliche Bedürfnisse.

Anna: Bisher kam es in ein paar Fällen zu einer Mediation. Unsere Sprechstunde bietet ja erst einmal die Möglichkeit, Mediation kennenzulernen. Im ersten Jahr ging es eher darum, unser Konzept bekannt zu machen. Gesellschaftlich ist diese Art der Streitvermittlung ja noch nicht verankert.

Sagen wir mal, beide Streitparteien lassen sich auf eine Mediation ein. Wie läuft das nun ab? Wie würdet ihr Mediation beschreiben?

Anna: Eine Mediation schafft Raum, in dem es möglich wird, die unterschiedlichen Positionen zu benennen, zu hören und zu verstehen. Mediatoren sprechen kein Recht, wir nehmen eine neutrale Position ein und arbeiten immer zu zweit. Unser Interesse liegt darin, dass die Parteien eine gemeinsame Lösung finden. Während der Mediation ‚übersetzen‘ wir, was wir raushören. Oft unterscheidet sich ja das, was einer sagt, von dem, was der andere versteht.

Connie: Wir leiten die Gespräche und stellen Fragen. Wenn ich die Bedürfnisse eines anderen hören und nachvollziehen kann, dann setze ich mich ganz anders mit dem Problem auseinander, dann mach ich mir Gedanken darüber.

Anna: Angenommen der Nachbar hört immer wieder nachts um 2 Uhr laute Musik, der ist in dann der Wahrnehmung des Leidenden der ‚Feind‘. In der Mediation wird es möglich, die Situation und Wut verständlich zu machen. Letztlich geht es darum, die Sichtweisen zu öffnen. Manchmal werden ja auch Stellvertreterkonflikte geführt und in der Mediation kommt dann raus, dass es nicht unbedingt um den Kinderwagen im Treppenhaus, sondern um das alltägliche Miteinander geht.

Ist Streit nur schlecht?

Anna: Nicht unbedingt: Streit ist eine Situation, durch die Menschen in Kontakt kommen und sich miteinander auseinander setzen. Nach einem geklärten Streit kommt es oft zu tieferen Beziehungen, weil man den anderen besser kennen gelernt hat.

Connie: Streit zeigt ja auch an, dass mir der andere nicht egal ist.

Können Feinde Freunde werden?

Anna: Wenn sie lernen, gegenseitiges Verständnis aufzubringen, wenn sie die eigenen Bedürfnisse mit denen der anderen abstimmen.

Wäre es ein Fernziel, dass die Menschen lernen, über Probleme zu sprechen, sich mit anderen auseinanderzusetzen und den Konflikt lösen, ohne eine Mediation zu brauchen? Dass sich sozusagen eine ganze Streitkultur ändert?

Connie: Logisch.

Anna: Ich halte das für übermenschlich. Für mich ist ein Fernziel, dass Angebote wie Mediation häufiger genutzt werden und dass es irgendwann Netzwerke gibt. Dass man zum Beispiel auch mal eine Freundin dazubittet und diese vermitteln hilft. Ich fänd es gut, wenn Mediation nicht mehr an Institutionen angebunden sein muss.

Was ist Mediation?

Streit kennt wohl jeder: Ob nun Paul Susi doof nennt, in der Beziehung die Fetzen fliegen oder der Nachbar nachts laut Musik hört. Streit nervt und konstruktives Lösen will gelernt sein. Dabei können Mediatoren helfen. Ein Mediator ist im Prozess der Konfliktlösung ein neutraler Dritter. Er kann den Streitparteien helfen, zu einer gemeinsamen Vereinbahrung, zu gelangen. Er leitet dabei das Verfahren und hilft durch genaues Zuhören und geschicktes Fragenstellen. Mediatoren kommen bei ganz unterschiedlichen Streitlagen zum Einsatz. Es gibt Partnerschafts-, Familien- oder Schulmediatoren.


Der Artikel ist in unserer aktuellen Printausgabe erschienen. Ihr findet sie in Bars, Cafés, sozialen Einrichtungen, kulturellen Institutionen und Geschäften überall in Neukölln.

Für an Mediation Interessierte findet jeden Mittwoch 17–19 Uhr im QM Reuterkiez eine Sprechstunde statt
Anfragen auch per E-Mail: loesen-statt-streiten@gmx.de

 

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