von am 6. Juli 2013

Schiffstour für Senioren, Foto: DRK Schwanheim-Goldstein/flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Ab wann ist man „Seniorin“? Reflexionen einer Neuköllnerin, die bei ihrer Wohnungssuche unerwartet mit dieser Zuschreibung konfrontiert wird.

Text: Christiane Quack, Foto: Foto: DRK Schwanheim-Goldstein/flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Vor etwa 2 Jahren war ich auf Wohnungssuche. Die Wohnung sollte hell und sonnig sein, einen Balkon haben und wegen Helligkeit und Aussicht in einer oberen Etage liegen. Nicht zuletzt sollte sie über einen Aufzug erreichbar sein. Ein Haus mit Aufzug ist im nördlichen Neukölln nicht so leicht zu finden.

In der Rollbergstraße gab es ein interessantes Angebot. 55qm, mit Balkon, Badewanne, Aufzug und 5. Etage in einem Seniorenhaus. Ein Seniorenwohnhaus??? Das vom Vermieter geforderte Alter hatte ich zwar längst erreicht, aber schon eine Seniorin, also alt? Ich bin nicht mehr jung, auch schon im Ruhestand.

Realistisch betrachtet bin ich in der letzten Lebenshälfte, und es gibt keinen Grund, mich wegen dieses „Senioren-“ so anzustellen. Altern, ein „fortschreitender, nicht umkehrbarer, biologischer Prozess, der mit dem Tod endet“ kommt auf jeden zu, der nicht jung stirbt. Bisher hatte ich mich damit nicht wirklich auseinander gesetzt. Nun, die Lage der Wohnung war prima. Fußläufig war alles zu erreichen, was für mich zur Lebensqualität gehört: Bibliothek, Kino, Theater, Cafés, Restaurants, Geschäfte aller Art. Preis, Grundriss und Größe entsprachen meinen Vorstellungen. Ich vereinbarte einen Besichtigungstermin.

Sexualität im Alter war bei der Planung offenbar kein Thema

Die Wohnung machte einen ansprechenden Eindruck, erfüllte viele meiner Wünsche. Beim genaueren Hinsehen kamen mir aber doch einige Fragen. Bei der Planung von Küche und Schlafzimmer hatte man sich wenig bis keine Gedanken über Lebensqualität im Alter gemacht.

Die Küche hatte einen guten Grundriss und war mit einer zweizeiligen Einbauküche, die zur Wohnung gehörte und drin bleiben sollte, möbliert. Es gab viele Schränke, aber Platz für Spülmaschine, Waschmaschine und Kühl-Gefrier-Kombination fehlten. An einen Backofen in angenehmer Höhe oder einen Essplatz war nicht zu denken. Also, weder zeitgemäß noch, gerade für ältere Menschen, besonders praktisch. Das Schlafzimmer war so geschnitten, dass wohl nur ein Einzelbett (100 x 200 cm) vorgesehen war. Ein größeres Bett müsste mit einer Seite an der Wand stehen, für alte Menschen nicht sehr geeignet. Sexualität im Alter war bei der Planung offenbar noch kein Thema. Welche Vorstellung hatte der Erbauer, Eigentümer des Hauses von den Wohnwünschen und Wohnbedürfnissen der Zielgruppe?

Der Komplex wurde in den 1970er bis 1980er Jahren gebaut. Also in einer Zeit, in der sich das Bild von aktiven Alten, mit Vorstellungen und Ansprüchen an Lebensqualität und Lebensgestaltung schon entwickelt hatte. Einen Preis für gelungene, auf die Bedürfnisse der Zielgruppe ausgerichtete Planung konnte ich nicht vergeben.

Nun, nach längeren Überlegungen und Gesprächen mit Freunden und nach Einrichtungsplanungen kam ich zu dem Schluss, dass mich der Begriff „Seniorenhaus“ nicht abschrecken sollte. Ich wollte die Wohnung.

Aber: Sie war weg

 

Dieser Text ist in der April-/Maiausgabe der Promenadenmischung erschienen.

 

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