von am 28. November 2017

Mahmoud Barakat lebt seit zwei Jahren in Deutschland und würde hier gerne als Tätowierer arbeiten. (Foto: Emmanuele Contini)

Mahmoud Barakat sticht Tattoos mit Maschinen, die er selbst aus Kugelschreibern zusammenbaut. In seiner syrischen Heimat, wo Tattoos gesetzlich verboten sind, konnte das lebensgefährlich sein. Mittlerweile lebt Barakat in Neukölln und würde seiner Arbeit gerne wieder nachgehen.

Text:  Mohamad Naana und Jana Borchers

Mahmoud Barakat öffnet die Tür. Es ist etwas eng im Flur. Auch das daran anschließende Zimmer ist kaum groß genug für eine Person, die Matratze auf dem Boden versperrt den Weg nach drinnen. An den Wänden hängen Bilder, die Barakat selbst gezeichnet hat, wie er später erzählen wird. Sie zeigen ängstlich wirkende Gesichter und Bomben, die über eine Stadt fallen. Es gibt arabisches Frühstück, Manakesh, Hummus und Fatteh, ein Gericht aus Joghurt mit Kichererbsen und gerösteten Nüssen. Barakat bringt Teller und Löffel und breitet das Essen auf dem Boden aus.

Barakats ruhige Stimme scheint nicht so recht zu seinem Aussehen zu passen. Seine langen Haare und der Bart stehen wild in alle Richtungen, seine Arme sind von oben bis unten tätowiert. An den Beinen und am Hals sind die Ansätze weiterer Tattoos zu erkennen. Was in Neukölln keine Seltenheit ist, war in Aleppo, Barakats Heimatort, ein ungewöhnlicher Anblick.

Drei Monate Gefängnis für ein Tattoo

Mahmoud Barakat lebt seit zwei Jahren in Deutschland. In Syrien ist das Tragen von Tattoos in den meisten Städten verboten. „Bis zu drei Monate kann man dafür ins Gefängnis kommen“, erzählt er. Sein erstes Tattoo stach er sich selbst – mit einem Kugelschreiber, in dem er statt der Mine eine Spritze befestigte. Barakat zeigt seinen Unterarm: Das M, den ersten Buchstaben seines Namens, hat er mittlerweile in eine Blume verwandelt. Die Tätowiermaschine perfektionierte er mit der Zeit. Zusätzlich zu Kugelschreiber und Spritze benutzte er einen kleinen Motor. Die Tinte bekam er aus Italien. Mit der Maschine stach er Freunden Tattoos, später auch gegen Geld. Und er verkaufte weitere selbstgebaute Geräte. Das reichte einigermaßen zum Leben.

„Wenn ich auf der Straße unterwegs war, habe ich immer lange Sachen getragen, um meine Tattoos zu verstecken, auch im Sommer“, erzählt Barakat. Nur in seinem eigenen Viertel kannten ihn die Leute, dort musste er sich nicht verstecken. „Abu Tattoo“ nannte man ihn, was so viel bedeutet wie „Sohn des Tattoos“.

Barakat, der Hundeflüsterer

Ein kleiner, etwas angegrauter Hund läuft ins Zimmer. Eni gehört zu der Journalistin, in deren Wohnung Barakat derzeit lebt. Freunde in der Türkei vermittelten ihm den Kontakt, nachdem die letzte Gemeinschaftsunterkunft ihn rauswarf, weil er auf dem Zimmer geraucht hatte. Zwei Wochen musste er danach auf der Straße leben. Eni schmiegt sich an Barakats Bein, er streichelt ihren Kopf. Hunde als Haustiere zu halten ist in Syrien etwas Ungewöhnliches. Aber Barakat, so viel ist mittlerweile deutlich geworden, interessiert sich wenig dafür, was als „normal“ gilt und was nicht. In Aleppo kümmerte er sich zeitweise um 14 Hunde.

„In den Außenbezirken von Aleppo leben die reicheren Leute. Sie halten oft Hunde zuhause.“ Als der Krieg sich verschlimmerte, verließen die meisten Familien die Stadt. Die Hunde ließen sie zurück. Barakat zog in eines der leerstehenden Häuser ein, nahm die verlassenen Hunde mit und bemühte sich darum, sie zu versorgen. „Wenn es einen Bombenangriff gab, spürten die Hunde das lange vorher und konnten mich warnen.“ Eines Tages allerdings gab es einen Angriff, der so schlimm war, dass die Tiere sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Die meisten Hunde starben oder wurden so schwer verletzt, dass Barakat nichts mehr für sie tun konnte. Erst da entschied er sich, Aleppo zu verlassen. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich alles verloren. Es gab nichts mehr, was mich noch in Syrien gehalten hat.“

Endlich wieder arbeiten

Seit Barakat in Berlin ist, befindet er sich ständig im Aufbruch. Lange lebte er in einer Gemeinschaftsunterkunft mit vielen Menschen auf engstem Raum. Er versuchte, dort Deutsch zu lernen, konnte sich aber nie richtig konzentrieren. Irgendwann brach er den Kurs ab. Ende des Monats muss er auch diese Wohnung in Neukölln wieder verlassen. Barakat hat Angst, erneut auf der Straße zu landen: „An die Unterstützung des Jobcenters glaube ich nicht mehr.“

Gerne würde Mahmoud Barakat auch in Neukölln wieder Tattoos für andere stechen. Aber um hier in einem Studio zu arbeiten, seien seine Deutschkenntnisse zu schlecht, so glaubt er. Zwei Tattoos hat er sich hier machen lassen. Die Qualität sei allerdings sehr schlecht. Barakat streicht gedankenverloren über seine linke Hand, wo die Farbe bereits etwas verlaufen ist. „Ich könnte das besser“, sagt er und lacht.

 

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