von am 27. Juni 2014

Modellhaus in SchachtelDer Mut des Neudenkens von gesellschaftlichen Strukturen, insbesondere des Finanzsystems, macht einen Schwerpunkt der 48 Stunden Neukölln 2014 aus.

Fotos: Regina Lechner

Geld regiert die Welt! Das ist leicht gesagt und schwer zu verstehen, gerade dann, wenn Spekulationsblasen platzen, BadBanks faule Finanzgeschäfte einfädeln und eine kleine Störung im weltweiten Netz der Finanzströme ganze Volkswirtschafen kollabieren lässt. Alles tragisch, aber für den Einzelnen machmal nur schwer verständlich. Wie soll man da die „Courage“ aufbringen nach Auswegen und Alternativen zu fragen? Neben den altehrwürdigen und eng miteinander verbundenen K-Wörtern „Kapitalismus“ und „Kritik“ liefert eine dritte Instanz den nötigen Mut zu einer notwendigen Auseinandersetzung – die „Kunst“. Im Herzen des Kommerzes, den Neukölln Arcaden, und anderswo beziehen Künstlerinnen und Künstler im Rahmen von 48 Stunden Neukölln Position.

Diskutieren im Museum

„Museen sind elitistisch und langweilig“, steht auf der Website des „Museum des Kapitalismus“, sie seien nicht mehr als pompöse Häuser, die große Geschichten erzählen wollen. Das „Museum des Kapitalismus“ will dagegen keine ausufernden Sagen über dieses Systems erzählen, sondern ein Ort sein, der Dinge zum einen ausstelltund zum anderen Dinge zu ändern versucht. Hier soll etwas stattfinden, was in Museen meist nur wenig Platz hat: Diskussion. Unterschiedliche Menschen kommen zusammen und denken nach. Genauso arbeiten auch die Museumsmacher, die bei den 48 Stunden Neukölln ihre erste Ausstellung überhaupt präsentieren. Ausgestellt werden sollen hier Ungerechtigkeiten, die im Alltag oft unsichtbar bleiben. Erzeugt durch die Kräfte des Kapitalismus als ein Wirtschaftssystem, das sich fundamental auf das tägliche Leben in der Stadt auswirkt: gentrifiziert, Mieten steigen lässt und zu Zwangsräumungen führt.

Wer ausdrücken möchte, was „Kapitalismus“ für ihn heißt, sehen möchte, wohin die gezahlte Monatsmiete fließt oder wissen will, wie so eine Zwangsräumung eigentlich aussieht, der sollte sich im „Museum des Kapitalismus“ umschauen. Hier besteht die Chance, etwas Seltenes zu beobachten: die Geburt eines Museums aus dem Geiste der Kritik.

Bilderrahmen mit Immobilientexten

Im „Museum des Kapitalismus“

Gesprengte Geldautomaten

Geldautomaten sind eigenartige Wesen. Nur vier Zahlen reichen aus, dann spucken sie frische Scheine aus oder verweigern unerbittlich den persönlichen Cashflow. Ab und zu kommen ein paar Männer in gepanzerten Autos und füttern sie mit Geld, und Menschen, die nichts mehr haben, legen sich manchmal neben ihnen schlafen. Die Künstlerin Katrin Glanz hat die Maschinen nicht gesprengt, aber in Zeichnungen in die Luft gejagt. So offenbaren ihre Bilder einen Blick ins mechanische Herz der Tauschwirtschaft.

Den Tausch als symbolische Handlung nutzt die Künstlerin Doris Koch in ihrem performativen Kunstprojekt „Tauschwertfindung: Indizienkomplex: Kunsthandeln“, das über künstlerische Werte – im ästhetischen und ökonomischen Sinne – und ihre Entstehung nachdenken soll. Dafür bringt Doris ihre ganz persönliche Währung ins Spiel: „Kochscheine“, gegen die man sogenannte „Indizien“ erwerben kann, Objekte, die aus ihren Kunstprojekten stammen. Wer mitspielen und spekulieren möchte, was Kunst wert ist, sollte sich auf dieses Tauschgeschäft einlassen.

Ein Wurstkiosk als Zentrum der Marktwirtschaft

Banken sind architektonisch die Tempel der modernen Geldwirtschaft, das machen allein schon ihre mächtigen Fassaden klar. Auch auf jedem banalen 50-Euro-Schein ist die repräsentative Macht von Architektur sichtbar. Zwei pompöse Renaissancefenster verkörpern dort die majestätische Ruhe antiker Tempel. Geld – Macht – Architektur, die Künstlerinnen Ingeborg Lockemann und Elke Mohr beziehen diese Formel auf ein ganz einfaches Gebäude: den Kiosk. Der sieht zwar genauso aus wie die Renaissancefenster auf dem 50-Euro-Schein, allerdings wird hier ganz profan Wurst verkauft. Bloß Wurst, aber „bio“ immerhin, womit die Künstlerinnen wiederum einen ironischen Kommentar auf die Zerrissenheit von Idealen liefern, das sich irgendwo zwischen Verantwortungsbewusstsein, materiellen Bedürfnissen und einem Blick in die Geldbörse abspielt.

„Das Gequatsche über Wachstum geht mir auf den Sack“. Deutlicher kann man es nicht sagen, aber welche Logik steckt denn hinter diesem „Wachstum“? Durch sein Projekt „Fucking exponential growth“ hat der Künstler Sven Kalden einen Schuldigen dafür gefunden, warum die Reichen immer Reicher und die Armen immer ärmer werden: die Exponentialfunktion. Jeder kennt das vom Sparbuch, Kapital wächst durch Zinsen, die werden wiederum verzinst. Das Geld vermehrt sich durch Nichtstun, es muss nur richtig angelegt werden, um die Renditen von ganz alleine zu erwirtschaften. Wem die genaue Funktion einer so hinterhältigen mathematischen Formel zu abstrakt ist, dem hilft Sven sie mit Mitteln der Kunst zu begreifen.

In der Revolte gegen blinde Wachstumsversprechen und alternativlose Wirtschaftslogik verhilft Kunst zu mutigen Taten: Museen werden in Meinungsforen verwandelt, Geldautomaten gesprengt und künstlerische Tauschgeschäfte gemacht. Und dazu braucht es noch nicht einmal große Entwürfe oder monströse Kräfte. In der Ausstellung NeuDenken zeigt sich: Schon der Wurstverkauf kann ins Herz der Auseinandersetzung mit ideellen Werten treffen.

Ausstellungen und Events zum Thema:

U8 – FLU-10
Federn ! – PAS-22
Das ist doch auch gut für deine Vita! – SCHI-10
Museum des Kapitalismus – RIC-12
5 Minuten Sammler_In sein – FLU-10
Tauschwertfindung: Indizienkomplex: Kunsthandeln – FLU-10
Widerstandstropfen – FLU-10

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

Ein Kommentar:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.